Ich möchte mich gerade nicht unterhalten.

"Ich möchte mich gerade nicht unterhalten." Ein Satz, der eine klare Aussage enthält und indirekt das Bedürfnis nach Ruhe äußert. Ja, ich weiß, direkt wäre besser, aber es jetzt so wie es ist.
Ich möchte mich gerade nicht unterhalten. - Ein Satz, der viel zu wenig Anwendung findet, bei mir und bestimmt auch bei anderen. Das möchte ich ändern.
Dieser Satz eignet sich für folgende Situation: Man sitzt allein an einem schönen Ort und genießt die Ruhe. Ein Bekannter kommt vorbei. Man begrüßt sich. Er setzt sich dazu. Er fängt an, zu sprechen. Zu erzählen. Sich an seinem Redefluss zu erfreuen. Es gibt keine Fragen, nur Erzählungen, man gibt höflich zustimmende Brummgeräusche von sich, schaut aber woanders hin und/oder beschäftigt sich weiter mit dem, was man gerade tat: Essen, lesen, nichts tun.
Der kleine Nerv fängt an, einem vom Rücken hoch in den Nacken zu krabbeln und man möchte aufspringen und brüllen:

READ THE ROOM!
 
Aber man brummt zustimmend weiter.
Hier käme jetzt der neue Satz zum Einsatz: "Ich möchte mich gerade nicht unterhalten." Freundlich-neutral ausgesprochen. 
Uuuuuh, gerade bei uns Frauen, die so sehr auf Konformismus, Höflichkeit, Zurückstecken der eignen Bedürfnisse getrimmt wurden, macht sich nun ein ungutes Bauchgefühl breit: Was ist, wenn er jetzt eingeschnappt ist? Wenn er beleidigt ist? Wenn er sich jetzt mies fühlt? Ich habe Schuld daran. Oh nein! Ich bin doch dafür da, dass es den Leuten um mich herum gut geht.

THE WHAT?

Und was ist mit ihm? Dann müsste er sich auch darum bemühen, dass es mir gut geht. Das wäre fair. Und geht er nicht gerade auch einfach seinem Redebedürfnis nach? Warum soll ich meine Bedürfnisse hinten anstellen für jemanden, der sich nicht um meine Bedürfnisse bemüht?

Und: Woher weiß ich denn, dass er nach dem Satz "Ich möchte mich gerade nicht unterhalten." eingeschnappt/ beleidigt ist oder sich mies fühlt. Damit bin ich ihm auch nicht fair gegenüber, indem ich ihm böse Absichten unterstellen. Und vielleicht weiß er ja sogar selbst, dass er "zuviel" redet und ist dankbar für den Hinweis, weil er anderen Leuten auch nicht auf die Nerven gehen will, eben weil er sich auch um die Bedürfnisse der anderen schert.

Wenn wir vom Schlimmsten ausgehen, das aber bloß ausgedacht ist (das geht leider viel zu einfach), können wir ja auch vom Besten ausgehen (das muss geübt werden).

Ich stelle mir ab jetzt vor, dass wenn ich sage "Ich möchte mich jetzt nicht unterhalten." die andere Person meinen Wunsch akzeptiert und sich gegebenenfalls jemand anderes sucht, um sich das eigene Redebedürfnis zu erfüllen. Beobachtung ohne Bewertung.

Jetzt braucht es ein wenig Zeit, die Angst vor der unterstellten negativen Reaktion mit der positiven Vorstellung zu überschreiben.

Und bis das so weit ist, höre ich auf, Zustimmungsbrummgeräusche zu machen. 
Auch das war heute sehr effektiv.

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