Winterferien 23 - Tag 7
Illusionen; Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum; Instareality; #blessed
Hab eben noch schnell vor dem Mittag eine 3,5km Wanderung gemacht, easy peasy, dachte ich und dann waren es 1,75km bergrunter und 1,74km berghoch 230hm. Geil, happy life, Glückseeligkeit und Instafame. Ich lebe meinen Traum und #blessed. Während andere korrigieren müssen (ernsthaftes Beileid!), kann ich hier an der Côte d'Azur das Leben genießen und mich in meinem warmen, mit Getränken und Lebensmitteln ausgestattetem Campingvan zurücklehnen, wie Elspeth im Film Saltburn und vor mich hin faseln: "Bliss, bliss, bliss."
Der Film ist grauenhaft. Und gut. Grauenhaft gut und wenn man ihn voller gruseln über Menschliche Abgründe gesehen hat, weiß auch den Kontext zu "Bliss, bliss, bliss". Dann wird alles noch grauenhafter.
Das war nämlich die Realität zu meiner vormittäglichen Wanderung: Sie war grauenhaft. Richtig blöd. Warum laufe ich nochmal 230m runter, um dann 230m wieder hoch zu laufen? Was wollte ich sehen, was man aber dann doch nicht sehen konnte? Ich wollte sehen, wo die Leute klettern gehen. Konnte ich aber nicht sehen. Ich bekam Hunger, hatte zum Glück Snacks dabei und beim Aufstieg war mir viel zu heiß, ich habe geschwitzt, aber es war kalt und windig, mit ein paar Regentropfen, ach, richtig unangenehm. Ich war kaputt und müde und hungrig und fand meine Wanderentscheidung richtig dumm. Denn es sollte nur ein bisschen spazieren sein. Die "richtige" Wanderung war für den Nachmittag geplant. Ach und ich bin auch zu schnell gegangen und nun ja, mit Hunger ist alles blöder und anstrengender.
Und warum habe ich das überhaupt gemacht? Weil ich zufrieden sein möchte. Nicht glücklich und happy und #blessed, sondern zufrieden. Das ist ein wunderbarer Zustand. Und den gilt es aber irgendwie jeden Tag aufs neue zu erreichen. In meinen 41 Lebensjahren habe ich für mich gelernt, dass es immer eine Mischung aus allem Möglichen benötigt. Eine Konstante ist dabei Sport und nicht hungrig zu sein. Häufig sogar viel Sport, im Vergleich zum Durchschnitt. Aber wenig Sport im Vergleich zu Leistungssportler*innen. Ich sage ja, es ist immer eine komplexe Mischung und ich reflektiere das oft zu stark. Nervt auch manchmal.
Und dann möchte ich Teile eines Gastkommentars von Ildikó von Kürthy in der SZ zitieren: "In einer Zeit, in der Selbstliebe, Selbstakzeptanz und die permanente Glückssuche auf keiner Liste mit Vorsätzen fürs neue Jahr fehlen dürfen, wo die stetige Selbstoptimierung Pflicht ist und die sozialen Medien voll von faltenfreiem Frohsinn sind, gerät es zunehmend in Vergessenheit, dass das Leben in weiten Teilen anstrengend, frustrierend und ausgesprochen langweilig ist. Wir würden alle eine Menge Geld, Zeit und Nerven sparen, wenn wir uns klarmachten, dass Probleme, Minderwertigkeitsgefühle, Verschleiß und Katastrophen zum Leben gehören wie Stoffwechsel und Ohrenschmalz."
Ja, sie hat vollkommen recht. Aber es ist wie mit diesen alten, dunkelbraunen, geölten Holzzimmertüren: Man streicht sie weiß und es schimmert immer noch das Braun hindurch. Man weiß das eigentlich alles, aber es schimmern immer noch die alten Muster durch:"Die Pose des geglückten Lebens. Die Fassade der makellosen Existenz. Die Diktatur des Glücks." (ebenda) Es bedarf sehr viele Schichten Farbe, bis das blöde Braun endlich vollständig abgedeckt ist.
Zufriedenheit ist wunderbar. Ein großer Faktor für meine Zufriedenheit ist neben dem Sport und der Abwesenheit von Hunger, der Mittagsschlaf und den nehme ich mir jetzt.
22:41
Noch ein bisschen durchhalten, das Feuerwerk gegenüber in der Bucht in La Ciotat sieht bestimmt schön aus. Jetzt also erstmal den Blog weiter schreiben und dann ist wieder etwas Zeit vergegangen.
Die Zeit nach dem Abendessen bis jetzt habe ich mit meinen Nachbar*innen verbracht, Andrea und Pierre aus Grenoble. Sie sind zum Klettern hier. Wir haben uns zum Feuerwerk schauen wieder verabredet. Man muss nur aus dem Bus steigen und schon kann man über die Bucht schauen. Ich könnte es sogar aus meinem Bus heraus sehen. Ich könnte aber auch jetzt schon schlafen.
Was war heute noch weiter passiert? Die Zufriedenheit hat nach dem Mittagsschlaf drastisch zugenommen und die darauf folgende Wanderung war herrlich. Ich bin langsamer gegangen, der Weg war viel schöner, eine Mischung aus hoch und runter und es kam sogar noch die Sonne raus.
Ich konnte zwar nicht die gesamte geplante Strecke gehen, denn der Sonnenuntergang um 17:10 machte mir einen Strich durch die Rechnung. Also den Timer auf 50min gestellt, damit ich nach der passenden Zeit wieder umdrehen würde. Und wenn nicht alle Stricke reißen oder die Sintflut doch nach mir gekommen sein wird, werde ich nächstes Jahr hier wieder herfahren. Es gibt noch so viel zu erwandern und zu sehen! Danke an die vielen Tipps von meinen Campingnachbarn, Andrea und Pierre und die mit dem selbstgebauten Wohnblock auf dem Anhänger. Ein älteres Heteropaar im Unruhestand, die heute, nach zwei Sporttagen, einen Ruhetag einlegen wollten, bis zu meiner Abfahrt Richtung Einkaufen, zufällig über den Weg gelaufenes Auto waschen und Wandern, noch nicht genau wussten, wie sie das heute bewerkstelligen sollten. Zu dem Zeitpunkt liefen sie auf anderen Stellplätzen herum und überlegten, ob sie das nächste Jahr einen anderen haben wollen würden.
Und!!! Ich habe auf der ersten, etwas vermaledeiten Wanderung, doch noch Schönheit gefunden. Es gab mindestens drei Sträucherarten, die Blüten trugen. Hier Fotos von zweien.
Und jetzt: Einen guten Start ins neue Jahr. Möge es von den schlechten Dingen weniger geben und von den guten mehr und allen ein bisschen mehr Zufriedenheit.
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Illusions, don't dream your life, live your dream, instareality
I just did a quick 3.5km hike before lunchtime, easy peasy, I thought, and then it was 1.75km downhill and 1.74km uphill 230m. Awesome, happy life, bliss and instafame. I'm living my dream and #blessed. While others have to correct (serious condolences!), I can enjoy life here on the Côte d'Azur and lean back in my warm camping van, stocked with drinks and food, like Elspeth in the movie Saltburn and babble to myself: "Bliss, bliss, bliss."
The movie is horrible. And good. Horribly good and if you have seen it full of horror about human abysses, you will also know the context of "Bliss, bliss, bliss".
Because that was the reality of my morning hike: it was horrible. Really stupid. Why am I walking down another 230m only to walk 230m back up again? What did I want to see that I couldn't see after all? I wanted to see where people go climbing. But I couldn't see it. I got hungry, luckily I had snacks with me and I was far too hot on the ascent, I was sweating, but it was cold and windy, with a few raindrops, ah, really unpleasant. I was exhausted and tired and hungry and thought my hiking decision was really stupid. Because it was only supposed to be a bit of a walk. The "real" hike was planned for the afternoon. Oh and I also walked too fast and well, everything is worse and more tiring when you're hungry.
And why did I do it at all? Because I want to be satisfied. Not happy and #blessed, but content. That's a wonderful state. And somehow it has to be achieved anew every day. In my 41 years of life, I've learned that I always need a mixture of all sorts of things, one constant being sport and not being hungry. Often even a lot of sport compared to the average. But little sport compared to competitive athletes. As I say, it's always a complex mix and I often reflect on it too much. It's also annoying sometimes.
And then I would like to quote parts of a guest commentary by Ildikó von Kürthy in the SZ: "In a time in which self-love, self-acceptance and the permanent search for happiness should not be missing from any list of New Year's resolutions, where constant self-optimization is mandatory and social media is full of wrinkle-free cheerfulness, it is increasingly forgotten that life is largely exhausting, frustrating and downright boring. We would all save a lot of money, time and nerves if we realized that problems, feelings of inferiority, wear and tear and disasters are as much a part of life as metabolism and earwax."
Yes, she's absolutely right. But it's like those old, dark brown, oiled wooden room doors: you paint them white and the brown still shimmers through. You actually know it all, but the old patterns still shine through: "The pose of a successful life. The façade of a flawless existence. The dictatorship of happiness." (ibid.) It takes many layers of paint before the stupid brown is finally completely covered.
Contentment is wonderful. A big factor in my contentment, apart from sport and the absence of hunger, is the midday nap, and I'm taking one now.
22:41
Hang in there a little longer, the fireworks across the bay in La Ciotat must look beautiful. Now it's time to continue writing the blog and then some more time has passed.
I spent the time after dinner until now with my neighbors, Andrea and Pierre from Grenoble. They are here to go climbing. We've arranged to meet up again to watch the fireworks. All you have to do is get off the bus and you can look out over the bay. I could even see it from my bus. But I could also sleep now.
What else had happened today? The satisfaction increased dramatically after the afternoon nap and the hike that followed was wonderful. I walked more slowly, the path was much nicer, a mixture of up and down and the sun even came out.
I wasn't able to walk the whole planned route because the sunset at 17:10 put a spanner in the works. So I set the timer for 50 minutes so that I would turn back after the right time. And unless all else fails or the deluge comes after me, I'll be back here again next year. There is still so much to hike and see! Thanks to all the tips from my camping neighbors, Andrea and Pierre, and the ones with the self-built apartment block on the trailer. An elderly hetero couple in retirement, who wanted to take a rest day today after two days of sport, up to me






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