Winterferien 23 - 1. Tag

25. Dezember 2023 - Venhof, Zutendaal, Belgien

Ich finde Weihnachten kacke. Richtig kacke und blöd. Es ist aufgeladen, überbewertet und vollgestopft mit bedeutungsvoller Scheinschwangerschaft. Zu viele Bedürfnisse, Rituale, Pflichten und Zwänge kollidieren, so dass es in den meisten Fällen doch einfach bloß eine anstrengende Show ist, oder man streitet sich. Und es ist stressig, weil der Perfektionszwang so hoch ist. Von meiner Friseurin habe ich eine grauenhafte Kindheitserinnerung zu Weihnachten gehört und ich treffe immer mehr Menschen, die Weihnachten alleine verbringen und gar nicht bös drum sind. Andere steigen aus, aus dem Familienfeierwahn und die, die noch nicht aussteigen konnten, haben schlimme Tage in allen Abstufungen. 

Ich plädiere dafür, Weihnachten zukünftig ausschließlich als Kinderfest zu begehen. Für die (meisten, ja, ich weiß, unterkomplex) Kinder ist es doch toll: Man bekommt Geschenke, muss nichts tun und je nach Alter kriegt man die Familienstreitigkeiten noch nicht mit. Erwachsene brauchen Weihnachten nicht mehr, um Wünsche erfüllt zu bekommen, Kinder jedoch haben noch nicht die Ressourcen, um sich Dinge zu kaufen und sind daher auf solche Feste angewiesen. Lasst uns Weihnachten einfach zum "Kinderbeschenken"-Fest machen, ohne den Besinnlichkeits-, Familienfrieden- und Heuchelreligionszwang. Das wäre für viele sicherlich einfacher. Und wer auch als Erwachsene*r noch mitfeiern MÖCHTE, darf das natürlich tun. Ab meinetwegen, dem ersten Job oder fester Beziehung ist man jedoch davon befreit. Ohne Wenn und Aber oder Beleidigtsein.

Ich bin jetzt auch befreit, befreit von der Verantwortung für meine Landsleute. Ich bin jetzt im Ausland und ich bin Gast. Da habe ich mich angemessen, offen und angepasst zu verhalten, bin aber nicht dafür verantwortlich, wie sich die Leute benehmen, das ist ja nicht mein Land. Überraschung, das war ich vorher auch nicht, aber es fühlt sich trotzdem anders an. Ich bin Gast, ich muss das Land nicht weiterbringen, indem ich zum Beispiel Bildung verbreite. Ich lasse mich bilden von dem, was ich hier erlebe, von den Abenteuern, die mir über den Weg laufen, für die ich mich aus meiner Komfortzone heraus begebe. Stichworte: "Die ersten Ferientage sind immer komisch/blöd/seltsam, weil die Umstellung aus dem Alltagsleben Zeit braucht." und "Kackwetter ist trotzdem" und "Überraschung, es wird trotzdem schon um 16 Uhr dunkel".

 

Sieht aus wie mitten in der Nacht, ist aber erst 18:07

Bei Dunkelheit und Kackwetter erreichte ich den oben genannten Ort. Park4Night hatte behauptet, hier auf dem Venhof könnte ich das ganze Jahr über campen. Es ist ein Hof mit 41 Pferden, Ziegen, Schafen, Hunden. Es war ca. 18:15, im Sommer ist die Zeit völlig ok, aber nun ja, ich werde meine nächsten Touren anpassen, allerdings war heute der erste Fahrtag und ich komme nie früh los. Da stand ich also im Nieselregen und fand den Eingang nicht. Licht war drinnen an, aber wo war die Tür? Hm, ich sah einen Stall mit Pferden und ihren Futterkrippen und ein Gatter, was mir schien, zum Innenhof zu führen, wo vielleicht eine Tür war, aber das kam mir komisch vor, dort einfach reinzuspazieren. Eine Telefonnummer war zu finden, aber es war currently nobody available. Hm, Park4Night sagte, es gäbe einen Glampingplatz in der Nähe, dort angekommen war natürlich auch niemand da. Überraschung, wer ist schon Ersten Weihnachtstag abends bei Jobs, die niemand zum Überleben braucht? Es ging auch hier niemand ran. Die nächste Option wäre ein Wohnmobilplatz, aber ohne Klo... Nicht so cool... Also probierte ich nochmal den Venhof und - Hallelujah - es ging jemand ran. Ich könnte zwar nicht auf die Wiese (alles nass) und hätte keinen Strom, aber ja, eine Toilette gibt es. Wunderbar, das war alles, was ich brauchte und es wurde noch besser. Man möchte fast sagen, es wurde meine kleine Weihnachtsgeschichte, für mich, die Ungläubige. 

Ich ging dann tatsächlich durch eine Art von Stall und da traf ich im Wohnhaus drei von schwerer Arbeit gezeichnete Menschen und die gerade die Reste vom Raclette wegräumten ("Das ist viel zu viel Aufwand alles selbst zu machen, wir haben das bestellt"). Die Besitzerin, ihr Mann und ein Freund. Und dann lud sie mich ein, mich zu ihnen zu setzen, denn Weihnachten soll niemand alleine sein müssen, außer man möchte das so. Ich hatte ein bisschen Tränen in den Augen, holte Piccio und ich setzte mich zu ihnen. 

Ich finde es immer herausragend berührend, von fremden Menschen eine solche Herzlichkeit und Gastfreundschaft entgegengebracht zu bekommen. 

Wir unterhielten uns (auf englisch) ca. eine Stunde, ich erzählte ein bisschen von meinen Plänen und sie erzählte mir einige Pferdegeschichten, von blöden Menschen und geretteten Pferden. Ein großes Herz. Sie wollten mich sogar einladen bei ihnen umsonst zu stehen, es sei ja schließlich Weihnachten. Wir einigten uns, dass ich ihnen bei meiner Abreise etwas unter den Tannenbaum lege. Und dann dropte ich bei den ganzen Pferdegeschichten, dass ich als Kind mal Reiten gelernt habe und mich wohl auf einem Pferd halten könnte und auch ungefähr eine Richtung verfolgen kann, woraufhin sie mir anbot, morgen reiten zu können, wenn ich wollte. Und das werde ich morgen tun. Vormittags im Stall helfen, falls ich nicht störe und nachmittags reiten wir aus.

Ich bin zu dieser Reise aufgebrochen, um die Weihnachtsferien endlich vom Muff der Geister der vergangenen Weihnacht zu befreien. Ich bin zu dieser Reise aufgebrochen, um etwas anders zu machen also sonst. Ich bin zu dieser Reise aufgebrochen, um Abenteuer zu erleben, um andere Menschen und Kulturen kennenzulernen.

Wer hätte gedacht, dass dies an Weihnachten beginnt, in einem Stall neben einer Krippe, denn ich hatte sonst keinen Raum in einer anderen Herberge.

 

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December 25, 2023 - Venhof, Zutendaal, Belgium

I think Christmas sucks. Really shit and stupid. It's loaded, overrated and crammed with meaningful fake pregnancy. Too many needs, rituals, obligations and constraints collide, so that in most cases it's just a stressful show, or people argue. And it's stressful because the pressure to be perfect is so high. My hairdresser told me a horrible childhood memory of Christmas and I'm meeting more and more people who spend Christmas alone and aren't at all angry about it. Others are opting out of the family celebration craze and those who haven't yet managed to get out are having bad days of all kinds.

I advocate celebrating Christmas exclusively as a children's festival in future. It's great for (most, yes, I know, under-complex) children: they get presents, they don't have to do anything and, depending on their age, they don't get to see the family arguments yet. Adults no longer need Christmas to have their wishes fulfilled, but children don't yet have the resources to buy things for themselves and are therefore dependent on such celebrations. Let's just make Christmas a "children's gift-giving" festival, without the need for contemplation, family peace and hypocritical religion. That would certainly be easier for many people. And anyone who WANTS to join in the celebrations as an adult can of course do so. However, from my first job or a stable relationship onwards, you are exempt from this. Without any ifs, buts or insults.

I am also exempt now, exempt from the responsibility for my fellow countrymen. I am now abroad and I am a guest. I have to behave appropriately, openly and appropriately, but I'm not responsible for how people behave, because it's not my country. Surprise, I wasn't before either, but it still feels different. I am a guest, I don't have to take the country forward by spreading education, for example. I let myself be educated by what I experience here, by the adventures that come my way, for which I step out of my comfort zone. Key words: "The first days of the vacations are always strange/stupid/weird because it takes time to adjust from everyday life" and "It's still shitty weather" and "Surprise, it still gets dark at 4 pm".

I reached the above-mentioned location in the dark and in shitty weather. Park4Night had claimed that I could camp here at the Venhof all year round. It's a farm with 41 horses, goats, sheep and dogs. It was about 18:15, which is fine in the summer, but well, I'll adjust my next tours, but today was the first day of driving and I never leave early. So there I was in the drizzle and couldn't find the entrance. The light was on inside, but where was the door? Hmm, I saw a stable with horses and their feeders and a gate that seemed to lead to the courtyard, where there might have been a door, but it seemed strange to just walk in there. There was a phone number, but there was currently nobody available. Hm, Park4Night said there was a glamping site nearby, but of course when I got there there was no one there either. Surprise, surprise, who is at jobs on Christmas Day evening that nobody needs to survive? Nobody answered the phone here either. The next option would be a motorhome site, but without a toilet... Not so cool... So I tried the Venhof again and - hallelujah - someone answered. I couldn't go onto the meadow (everything was wet) and there was no electricity, but yes, there was a toilet. Wonderful, that was all I needed and it got even better. You could almost say it became my little Christmas story, for me, the non-believer.

I actually walked through a kind of barn and there I met three people in the house who were just clearing away the leftovers from the raclette ("It's far too much effort to do everything ourselves, we ordered it"). The owner, her husband and a friend. And then she invited me to sit with them, because nobody should have to be alone at Christmas unless they want to be. I had a few tears in my eyes, got Piccio and sat down with them.

I always find it exceptionally touching to be shown such warmth and hospitality by strangers.

We talked (in English) for about an hour, I told her a bit about my plans and she told me some horse stories, about stupid people and rescued horses. A big heart. They even wanted to invite me to stand with them for free, it was Christmas after all. We agreed that I would put something under their Christmas tree when I left. And then I dropped in all the horse stories that I had learned to ride as a child and could probably hold my own on a horse and follow a direction, whereupon she offered to let me ride tomorrow if I wanted to. And that's what I'm going to do tomorrow. Help in the stable in the morning, if I don't disturb her, and we'll ride out in the afternoon.


I have set off on this journey to finally free the Christmas vacations from the mustiness of the ghosts of Christmas past. I set off on this trip to do something different than usual. I set off on this trip to experience adventure, to get to know other people and cultures.


Who would have thought that this would start at Christmas, in a stable next to a manger, because I had no other room in any other hostel.

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