Tradition - Mailand 3./4. Oktober 2021

Um die eigenen Erkenntnisebenen zu erweitern, erweist es sich spätestens seit Goethe einer gewissen Tradition, eine Reise nach Italien zu unternehmen. Darauf, dass ich mich möglicherweise aktuell in dieser Tradition befand, wies mich eine sehr gute Freundin hin. Und recht hatte sie, worauf ich gleich kommen werde. Mozart reiste ungefähr 16 Jahre früher auch schon durch Italien, hauptsächlich aber, extrem komprimiert, für den schnöden Mammon. 

Meine erste Erkenntnis fuhr mir in der Schweiz über den Weg, nachdem ich für eine ca. 10 km lange Passage durch Österreich eine Knappzehneurozehntagesvignette und danach direkt eine 40 Schweizer Franken teure Schweizvignette gekauft hatte. Die letztere immerhin für gute drei oder vier Stunden Fahrt, die mich am sechstkleinsten Staat vorbeiführte, und immerhin für meine erste Erkenntnis: Liechtenstein ist so klein, dass die Autokennzeichen einzig aus FL und einer Zahl bestehen. Fünfstellig war die längste Nummer die ich sah. Aber allein um des Kennzeichen willens sollte man sein Auto in Liechtenstein anmelden: Schwarzer Grund, weiße Schrift und hinter dem FL ein Wappen. Das ist das mit Abstand stylischste Autokennzeichen, was ich je gesehen habe. 

Mailand. 

Instaqueen

Mailand ist wirklich so luxuriös wie man es immer hört. Wenn man richtig teuer shoppen will, fährt man nach Mailand. Wirklich. Direkt neben dem Dom gibt es ein Shoppingcenter, die Galleria Vittorio Emanuele II, mit allen Luxuslabels. Offenbar muss man ein Selfie vor Prada oder Louis Vuitton machen. Ich habe mich für Prada entschieden. Und ich glaube, ich bin fame! Oder bin ich lit? Oder was ist man nochmal mit "Ich habe zwar nicht die Kohle dafür, aber ich tue so als wäre ich eine von den Reichen und Schönen"-Selfies?

Sieht es nicht erstaunlich leer aus, in der Galleria? Das liegt scheinbar am Montag und dem schlechten Wetter. Ich war gestern, Sonntag Abend, auch dort und es liefen ungefähr eine halbe Million Menschen in der Galleria und eine ganze Million Menschen auf dem Domplatz herum. Sonntag Abend, 18Uhr. Eine Zeit in der Deutschlands Einkaufstraßen verlassen, trist und öd sind. Ich muss sagen, ich finde das großartig, die italienische Art. Alle sind draußen, man trifft sich, sehen und gesehen werden, bis auf die Verkäufer*innen haben alle frei und man genießt das Leben in Menschenmengen. Und das von mir, der introvertierten alleinlebenden und -reisenden Hundefrau. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mit dem Rad unterwegs war, also in einer anderen Ebene, anders als alle anderen. Ich hatte/konnte ein anderes Tempo fahren und dass Piccio bei mir hinten in der Fahrradtasche saß, hat für extrem viele freudige, lachende Gesichter gesorgt. Wie auch immer, die nächste Erkenntnis lautet: Mit dem Rad lässt sich eine Stadt hervorragend erkunden. Man muss allerdings einen gewissen Hang zum (female) fearless cyclist haben, eine gesunde Portion Gottvertrauen oder an was man auch so glaubt und einen guten Fahrradcomputer, wenn man gezielt irgendwo hin will. Ach ja, und in Mailand braucht man eigentlich ein Fully. Fast die gesamte Innenstadt besteht aus einem Fischgrätmuster von 30x80cm großen Steinen mit 3cm Fugen und alle türmt sich auf und nicht mal Kopfsteinpflaster kommt da mit. Das Mailänder Pflaster ist am schlimmsten. Aber irgendwann hören die Arme auch auf zu jucken. 

Hundi und Pferdi.
Regen - gestern wenig, heute sehr viel, also fuhr ich einkaufen zum Iper La Grande - wow, ich LIEBE diese riesigen Supermärkte. Man bekommt alles und von allen Dingen eine riesige Auswahl. So etwas gibt es nicht in Deutschland, habe ich noch nie gesehen, aber Italien und Frankreich können das. Unglaublich. Fantastisch und ein Highlight eines jeden Urlaubs. Im Alltag wahrscheinlich die Hölle, weil man wirklich lange Wege gehen muss. 

Für heute also ein Highlight und ebenso reich an Erkenntnissen, und zwar an der Erkenntnis der Erfahrung wie es ist, in einem Land keine Ahnung zu haben wie etwas funktioniert. Das sollten alle Menschen mal erleben, vielleicht regt das ja zum Nachdenken an. Immerhin kann ich noch so viel Italienisch, dass ich verstanden habe, was ich falsch gemacht habe, nämlich erstens mit meinem Einkaufswagen an die Selbstscannstation zu fahren, die nur für Einkaufskörbe ist und dann habe ich auch noch falsch gemacht, das Hundefutter nicht "da hinten" direkt bezahlt zu haben. Das lief nicht über die zentrale Kasse, nein, sondern nur auf der anderen Seite des Supermarktes. Also 10km Fußmarsch zurück, zwei Dosen, einen Kauknochen, den sich später der Hofhund geschnappt und vertilgt hat und ein Pferdi bezahlen, 10km Fußmarsch wieder hin zur Hauptkasse. Danach klappte alles und ich konnte mit meinen Errungenschaften zurück zum Bus fahren. Mit dem Rad 6min, mit dem Auto 36min. Da war klar, dass ich egal bei welchem Wetter mit dem Rad fahren würde, insbesondere nach der Unwettertour Köln-Koblenz. Nie wieder sollte ich mich bei 6min Regen zieren. Die Göttinnen waren mir sogar gnädig und ich kam trocken hin und zurück. 

Sie waren auch gnädig, als ich nach dem Mittag aufbrach, Ralfino, einen alten Kollegen der seit vielen Jahren seinen Auslandsschuldienst in Mailand verbringt, um seiner Partnerin und seinem Sohn die in der Toskana leben, näher zu sein, zu besuchen. Nun ist jedoch seine längst mögliche Verlängerung bald abgelaufen und er muss noch etwas Zeit in Deutschland verbringen bis er in Pension ist. Ich besuchte ihn und er hatte viel zu erzählen. Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich Ralfino mal in Mailand besuchen würde. 

Für den Rückweg war dann meine Gnade aufgebraucht und ich fuhr im Regen durch die Stadt. Ich kam mir wie ein Local vor. Mit einem echten radelnden Local kam ich noch kurz ins Gespräch: Bologna sei besser zum Rad fahren (yes) und Ferrara sei DIE Fahrradstadt schlechthin (kommt auf die Liste). Dann kam ich "zu Hause" an, an meinem Bus, der auf einem Biobauernhof steht, der seinen Hofplatz zum Campen anbietet. Park4Night ist großartig.

Ein besonderes Sightseeinghighlight: Die Knochenkirche, Kirche der Totenköpfe, San Bernardino alle Ossa. Nicht weit weg vom Dom, klein, aber krass. 

Ja, das sind alles echte Schädel und Knochen!










Kommentare

Beliebte Posts