Pferdegewieher - Bologna und ein Bauernhof 5./6. Oktober 2021

Ich bin überrascht. Beim Schauen auf meine Uhr um das Datum für den Beitrag herauszufinden, sehe ich, dass ich mich aktuell auf 651m Höhe befinde. San Benedetto Val di Sambro ist der kleine Nachbarort und Fattoria Cà Di Sole ist ein Hof mit 4 Stellplätzen und Ferienwohnungen und eben dem bereits erwähnten Pferdegewieher. Hundegebell ist gelegentlich auch zu hören, und zwar nicht nur von Piccio, die hier frei herumlaufen kann, und Gänsegeschnatter ab und zu auch. Ansonsten hört man nichts. Herrlich. Die anderen Stellplätze sind frei. Der Ort hier gehört zur Gemeinde *irgendwas* Bolognesi, für den kleinen "höhö" Effekt. Es gibt hier zwei 1139m und 1049m Gipfel im Gemeindegebiet, ich bin also mittendrin im Apennin. Während ich beim Schreiben ein bisschen herumrecherchiere, wird mir bewusst, dass der Apennin Teil des Alpidischen Gebirgssystems ist, der sich quasi einmal den ganzen Stifel nach unten entlang zieht. Wenn man in Italien also von Ost nach West oder umgekehrt will, kommt man offenbar nicht drum herum Berge zu queren.

Genug.


Ich wollte in die Berge zum Wandern und Klettersteig gehen. Das letztere tat ich heute. Wandern war natürlich Teil davon. Bei der Ankunft am "Parkplatz", ein drei Autos fassender Randstreifen an einer Spitzkehre, war nur ein Auto abgestellt und ich erwartete, völlig allein zu sein. Aber nein. Ich traf zu Beginn drei Kletternde. Zwei als Team und einer, offenbar ein local Urgestein, der selbstsichernd kletterte. Er zeigte mir netterweise den Einstieg und erklärte mir wie ich wo weiter gehen muss. 

Ich hatte mir diesen Steig ausgesucht, weil er als B markiert war. Ich wollte einen nicht so schwierigen Steig gehen, weil ich ja auch noch Piccio auf dem Rücken mitnehmen musste/wollte. Letztendlich war er etwas anspruchsvoll und die zehn Kilo mehr auf dem Rücken deutlich spürbar. Es war wirklich klettern, senkrecht hoch. Alles hat gut geklappt, wir sind heil oben angekommen, der Rückweg war jedoch etwas schwierig zu finden. Offenbar haben wir es aber geschafft und der Klettersteig ist sehr empfehlenswert. Man kann bis nach Bologna schauen. 

In der Ferne die Kirche, die ich am Vortag besucht hatte.

Bologna haben wir gestern mit dem Rad erkundet. Ich hatte mir mit Komoot eine gut 30km lange Strecke zurecht gebastelt. So wie es aussah musste man auch unbedingt im Süden von Bologna zu irgendeiner Kirche. Nun gut. Erst war mir die Stadt irgendwie komisch. Ich schien im Zentrum gewesen zu sein, aber war dann auch schon wieder raus und fuhr Richtung Süden. Was mir allerdings von Anfang an positiv auffiel: Bologna hat Radwege. Echte Radwege die ihrem Namen alle Ehre machen. Ich würde Bologna fast als Fahrradstadt bezeichnen (nach Ferrara werde ich es wohl doch nicht mehr schaffen, das liegt nördlich von Bologna) und ich sah auch viele Fahrräder und dazu ziemlich viele junge Leute. Studentenstadt und Berlin-Hipster gibt es auch in Bologna. Vielleicht ist Berlin-Hipster auch einfach International-Hipster. Gravelbikes hingegen habe ich noch keins gesehen. Der Trend ist hier noch nicht angekommen, oder die Deutschen haben alle schon weggekauft und jetzt gibt es einfach keine mehr. 

Ich näherte mich dem einen Anstieg des Tages *piep* es ging los und was war? Wanderpfad. Komoot hat mich doch tatsächlich auf einen Wanderpfad geschickt oder ich habe meine Auswahl so blöd getroffen, dass Komoot mich nur auf diesen Weg schicken konnte. Ich checkte die Karte und schieben erschien sinnvoller, als irgendwie außen herum eine befahrbare Straße zu finden. Na ja, schieben ging nur um die erste Kurve, dann musste ich tragen. Hundi konnte zum Glück laufen, es war Natur und unter den Füßen nur ein steiler, felsiger und gerölliger kleiner Pfad. Nach dem krassesten Stück konnte ich weiter schieben und hoffte, keinen Wanderern zu begegnen, irgendwie war es mir peinlich, mit dem Rad diesen Pfad genommen zu haben. Egal. Dann kamen mir zwei Wanderer entgegen und es entspann sich sogar ein sehr nettes kleines Gespräch, in dem sie mir unbedingt den Sentiero Degli Dei empfahlen. Ein über hundert Kilometer langer Wanderweg mit fantastischem Blick. Mal sehen, vielleicht kann ich eine Tagestour unternehmen. 

Ich schob also weiter, ca. 2km pfadaufwärts und kam mir irgendwann echt bescheuert vor, überhaupt zu diesem Santuario Madonna di San Luca hin zu wollen. Aber: Ein Snickers hebt die Stimmung und nach nur noch wenigen hundert Metern auf der Straße war ich oben. Total schön und ein wunderbarer Blick über Bologna und was dann kam, brachte die komplette Wende von meiner schwelenden Misslaunigkeit: Die Abfahrt war Wahsinn, krass, irre und verrückt. Keine Ahnung wie viel Prozent Gefälle die Straße hat, aber hochgefahren wäre ich sie NIE, da war es tatsächlich sogar besser gewesen, den Pfad hochzuschieben. Aber offenbar befand sich hier das Mekka der Sportler. Rennradfahrer quälten sich den Berg hoch, Jogger und Gehende ebenso. Und die gesamte Straße bis runter in die Stadt war gesäumt von Arkaden, die direkt bei der Kirche begannen. Total beeindruckend. Wirklich total beeindruckend. Ein Großteil der Straße war beschriftet mit Anfeuerungen und als ich unten kurz meine Bremsscheiben berührte, habe ich mir doch fast eine Brandblase geholt. Ich bin für meine hydraulischen Scheibenbremsen immer wieder dankbar.

Und dann ging es erst richtig ins Zentrum von Bologna. Wunderschön und auch ganz anders als Mailand. Arkaden. Alles spielt sich unter Arkaden ab. Die ganze Innenstadt ist verarkadiert. 

Und dann kam es, das erste bisschen Feeling für die Stadt. Ungefähr nach zwei Stunden mitfließen im Verkehr, durch verschiedene Stadtteile fahren, mal über die Stadt blicken, wieder in den Stadtflow zurückkehren. Ich kann mich nur wiederholen: Man lernt eine Stadt am besten mit dem Rad kennen. Immer schauen wie es die anderen machen, es dann genauso machen und schon ist man drin im Fluss. Fahrräder "dürfen" hier rechts an den Autos vorbeifahren. Die Autos stehen sogar so, dass Platz am rechten Rand ist. Fahrräder "dürfen" auch bei Rot über die Ampel. Hauptsache man stört sich nicht gegenseitig, so kommt es mir vor. Und obwohl so manches Mal von allen Seiten irgendwas kommt oder fährt, gibt es doch irgendwie eine allgemeine Aufmerksamkeit für das Chaos. Irgendwie ein Gespür. Als würden sich alle Verkehrsteilnehmer irgendwie wahrnehmen, wie in einem Vogelschwarm.

Hofcampingplatz
Abends war ich platt und hatte endlich mal das Gefühl, dass ich mich ausruhen möchte. Also unternahm ich heute nur die kleine (na ja, wurde dann größer) Klettertour und werde noch eine zweite Nacht auf diesem Hof bleiben.



Nachtrag: Wie sich herausgestellt hat, startet der Sentiero degli Dei südlich von Neapel. Ich hatte den italienischen Wanderer irgendwie so verstanden, dass der Wanderweg nicht weit weg von Bologna beginnen würde. Na ja, lost in translation. Offenbar hatte er mir, in italienisch, noch irgendwas anderes  gezeigt. 

Dann eben auf einer anderen Reise.

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