Der geheime Reiseführer - Corona II.6
... da stand ich nun in der Küche und sah mir das Elend an. Mit einem großen Knall war der linke, hintere Küchenschrank oben rechts abgerissen und zu Boden gestürzt. Durch die kurzzeitige Verdreizehneinhalbfachung der mittleren Corioliskraft im Sektor B kollabierte zur gleichen Zeit der Kühlschrank und schmolz zu einem Haufen aus Schrott und Essensresten zusammen.
"Mayday, Mayday", brummelte ich kurz in meine Maske und gab es auf so zu tun, als wäre ich in der Lage ein königliches Festmal zuzubereiten zu können. Rosenblätter angedünstet auf Sepia-Herzmuschel-Süßkartoffelrösti waren einfach siebenhundertneunzig Nummern zu groß für mich. Ich hörte Schritte im Flur und mir war klar, dass ich schnell handeln musste. Adrenalin schoss in mein Blut. Die Küche, die nichtmal mir gehörte war zerstört, der Besitzer auf dem Weg und möglicherweise nicht erfreut über den ihn zu erwartenden Anblick. Ich sprang auf die Kücheninsel, riss das Gitter von der Dunstabzugshaube und quetschte mich in das Abluftrohr, was aufgrund der Luxoriosität der Küche ebenfalls luxoriös groß war. Ich hatte also Platz, mich mit dem Rücken auf der einen Seite und den Füßen auf der anderen Seite des Rohrs Dezimeter für Dezimeter nach oben zu schieben. Ich hörte einen entsetzt-verzweifelten Ohnmächtigkeitsschrei - und da war ich auch schon draußen und rannte zu meinem Fluchtwagen.
Aufgrund der geringen KW Anzahl (im mittleren zweistelligen Bereich) konnte der 2,8 Tonner zwar nicht mit quietschenden Reifen die Flucht initiieren, trotz allem aber den Abstand zwischen mir und der zerstörten Luxusküche rasch vergrößern. Mit einem beherzten Schlag auf den Notfallnavigationsnotfallwipptaster wurde mir ein sicherer Unterschlupf zugeordnet, in dem ich auf weitere Anweisungen der Zentrale warten konnte.
Der Weg führte mich gefühlt nach Nordosten, es hätte aber auch Südwesten, Ostsüdost oder Westwestnordwladiwostok sein können. Die Straßen waren leer als hätte jemand empfohlen zu Hause zu bleiben und mein Gefahrenradar schaltete sich auch schon wieder automatisch in Standby. Ich war auf dem Weg zu einem sicheren Schlafplatz und hatte nun Zeit mir ein bisschen Gedanken über das Erlebte zu machen, die Puzzleteile zusammenzusetzen und ein Zwischenfazit zu ziehen:
In den letzten Monaten waren kalte, einsame Tage dabei gewesen, aber die Verzweiflung und das Grauen ließen mich immer klarer sehen, wer auf der Guten und wer auf der Bösen Seite stand. Ja, ja natürlich auch die alle dazwischen, es gibt ja kein Schwarz-Weiß bla, aber manchmal tarnen sich die Bösen als die Guten, die Mauern als blühende Wiesen und manche Guten leuchteten in dieser Dunkelheit noch viel heller. Und dann gibt es da auch noch die Guten, die zu transluzenten Paradoxien führten und implodierend die gespiegelten Gut-Energien abziehen und sie somit zu den Reihen der quasi-Bösen aussortiert werden müssen.
Ich verstand selbst nicht mehr was ich mir da zusammenreimte, aber es war auch schon spät und ich erreichte meinen Schlafplatz für die Nacht.
Hundi musste eh noch raus und so beschloss ich, noch einen kleinen Nachtspaziergang zu machen. Außerdem hatte ich Hunger. Nicht weit von meinem Versteck lichteten sich die Bäume und ich konnte den sternenklaren Himmel sehen. Es war weit und breit keine künstliche Beleuchtung auszumachen und so verwandelte die glitzernde Milchstraße das Wasser vor mir in ein schimmerndes Lichtermeer. Salzwasser - ich musste also am Meer sein. [INFO: Während einer Flucht ist es untersagt, jegliches elektronisches Gerät außer der Notfallnavigation und des Gefahrenradars eingeschaltet zu haben und man darf noch nicht mal drüber nachdenken wohin man wohl gerade fahren würde, denn es sollte schon mal einen Fall von Telepatieangriffen auf flüchtende Agenten gegeben haben, von denen man nie wieder gehört hat.]
Salzwasser war gut, denn ich hatte inzwischen einen Bärenhunger! Was hatte ich dabei? Ich griff in meine rechte hintere Hosentasche und holte hervor: Eine Kacktüte (jede*r gute Hundebesitzer*in hat in jedem betaschten Kleidungsstück IMMER mindestens eine Kacktüte) und ein buntes Stück Porzellan - Das war ein Stück der Notfallunwahrscheinlichkeitsschatulle. Bei der Subraumverschiebung durch den Corioliskraftzwischenfall konnte ich mit einem beherzten Griff in den sich im kollabierenden Kühlschrank befindlichen Tresor die dort aufbewahrte Scherbe ergreifen. Wir waren der Lösung der Frage, was auf der CMCYMCA Peter Panther am 10.Mai 2020 passiert war, ein großes Stück näher gekommen! Mit Hilfe von Radiumisotopbla bla Scan bla bla könnten wir eine Spur seines Verbleibens wieder herstellen und damit bla bla bla gehts weiter...
Mein Hunger ließ mich schwachsinnig werden.
Linke hintere Hosentasche:
Multibrennstoffkocher - zack auf den Strand drapiert.
Feuerzeug - zack Kocher an und Salzwasser im Topf auf den Kocher, warten und Sterne zählen bis das Wasser kocht.


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