Der geheime Reiseführer - Corona II.4
Ich zog den Reißverschluss meiner Daunenjacke höher und steckte die Hände in die Taschen. "Wie konnte das bloß sein?" dachte ich still vor mich hin. "Alles lief nach Plan und wir machten große Fortschritte bei der Suche nach der Notfallunwahrscheinlichkeitsschatulle."
Ich fröstelte.
Obwohl es jetzt Anfang Juni war, hatten uns die Temperaturen die uns im Mai warm gehalten hatten, einen Strich durch die Frühsommerrechnung gemacht und es war wieder kalt geworden. Schafskälte. So fühlte ich mich auch, mir war kalt. Ich machte mich auf von der Zentrale in Richtung Strand um wenigstens irgendwie Ablenkung zu finden. Die letzte Woche lief noch so gut. Richtig gut. Ja, es war klar dass es schwierig werden würde, aber dass dann noch so viele Einschläge aus allen möglichen anderen Richtungen kommen würden, war uns allen nicht bewusst und schon längst nicht geplant.
Um den Laden am Laufen zu halten, übernehmen wir Agenten auch externe Aufträge und einer dieser Aufträge wurde vor zwei Wochen so groß, dass ein riesiger Streit zwischen uns und dem Auftraggeber entbrannte. Die sagten dass wir trotz hoher Vorauszahlungen nicht ablieferten, wir sagten dass wir weder Auftrag noch Vorauszahlung dazu bekommen hätten, die sagten dass das jawohl im Kleingedruckten des vorletzten Vertrages gestanden hätte, wir sagten, dass sie sich das Kleingedruckte in den Arsch schmieren können, sie sagten, dass die Druckerschwärze gesundheitsschädlich und daher als Toilettenpapier unbrauchbar sei, wir sagten, dass uns das scheißegal sei, da wir diese Scheiße weder ausgedruckt haben, noch abwischen müssten, die sagten dass uns deren Scheiß ja gar nichts anginge, wir sagten, dass es uns ja gerade offenbar doch etwas anginge, sonst würden wir diese Scheiße gerade gar nicht abbekommen, mit der hier um sich geworfen wurde, die holten ihren dressierten Affen, der dann wirklich anfing, mit Scheiße um sich zu werfen und uns dann am Ende nur ein beherzter Sprung an der Reißleine davor rettete, mit Affenstreptokoggen infiziert zu werden und damit für den weiteren Einsatz als Agenten unbrauchbar gemacht hätte.
Affenscheiße - echt das beschissendste was es gibt. Klebt wie Sau und stinkt wie, ja, wie Affenscheiße halt.
Die Reißleine war immerhin dieses Mal aus richtig gutem Zeug und hielt. Endlich! Was für eine Befreiung! Wir würden uns im Nachhinein zwar noch mit allerlei Vertragsklauselscheiße befassen müssen, die schon richtig lange am Rumgammeln war, aber nun würde endlich mal aufgeräumt werden und der ganze Affenzirkus ein Ende haben. Es tut mir ja auch leid, die Affen von der Insel zu verbannen, aber ganz im Ernst, das ist auch einfach kein Klima für Affen, seitdem die alte Regierung vor siebenunddrölfzig Jahren den Nebelwald hinter der Raststätte "Vor dem Nebelwald" abgeholzt hatte.
Eine Woche war Feierlaune, bis die jährliche Inspektion anstand. Und ja, verdammt, ich hatte schon ein schlechtes Gefühl als ich mit meinem Bus zum Schrauberdoc fuhr und es bewahrheitete sich. Danach ging es bergab. Alles, wirklich alles war gut, bis auf den rechten, mittleren Zwischenboden, dort hatte ich mir vor ein paar Wochen bei einem Schlagloch eine Haftmine eingefangen. Wie geht das: Man ballert über ein Schlagloch und durch das Hineinschlagen eines Rades wird die Mine mit kinetischer Energie aufgeladen und springt im Anschluss an den Unterboden. Dort könnte man sie normalerweise leicht entfernen, aber es war eine der neueren Krabbelhaftminen, die sich dann zeckenartig einen Weg an eine möglichst unzugängliche Stelle suchen. Immerhin Glück im Unglück: Sie war nicht scharf. Unsere Agenten hatten die Fabrik infiltriert und immer mal wieder dafür gesorgt, dass vereinzelt Minen ohne Zünder die Produktion verließen. Glück gehabt. Aber trotzdem super ätzend, weil der Scheiß in jedem Fall entfernt werden muss. Das bedeutet einen Termin mit einer Spezialwerkstatt vereinbaren und was die alles an Vorgaben und Verhaltensweisen im Vorfeld fordern, dafür müsste man eigentlich drei Semester studieren: Auf keinen Fall an dem Tag tanken, Öl darf auch nicht nachgefüllt werden, das Wischwasser muss eine exakte Temperatur haben, die Bremsflüssigkeit muss einen bestimmten Helligkeitsgrad haben und das Kühlwasser muss exakt den Farbton der betagten Flamingodame "Lore" aus dem Hagenbecker Tierpark treffen. Voll nervig. Ich werde ne Woche brauchen, das alles vorzubereiten.
Ich hatte inzwischen den kleinen Fluss erreicht, der den Strand in zwei Hälften teilt. Der Regen der letzten Tage hat ihn so sehr anschwellen lassen, dass ich nur jeden zweiten Sprungstein zum Überqueren nutzen konnte. Das riss mich kurz aus meinen Gedanken. Derweil hatte es angefangen zu nieseln. So ein richtig schöner norddeutscher Nieselregen. Alles grau und klamm. Obwohl ich schnell ging, wurden meine Hände nicht warm, so angespannt war ich. Es war ja nicht so, dass die Aufgaben der sowieso nicht einfachen Zeit nicht schon reichten, nein, einen Tag nach der Inspektion meldete sich eine alte Wunde wieder. Na ja, so alt war sie noch gar nicht.
Vor drei Monaten geriet ich in einen Schusswechsel zwischen H.I.R.N. und H.E.R.Z.. Herz, das muss man erklären, das sind die Heroisch-Egozentrischen-Rational-Zerstörer und Hirn sind die Hoffnunsvoll-Irdischen-Realitäts-Negierer. Das könnt Ihr Euch vorstellen, was da abging.
H.E.R.Z.: Solange noch ein Stein auf dem anderen steht werden wir kämpfen! H.I.R.N.: Es ist falsch, tu es trotzdem.
H.E.R.Z.: Scheiß drauf man lebt nur einmal.
H.I.R.N.: Du schaffst es.
H.E.R.Z.: Es macht so viel Spaß!
H.I.R.N.: Ich kann es mir bestimmt so hindrehen dass ich mir einbilde dass es richtig ist.
H.E.R.Z.: Feuer Feuer, herrlich wie es brennt!
H.I.R.N.: Wenn ich mich nur doll genug anstrenge...
Die beiden Idiotenparteien merkten gar nicht, dass sie eigentlich für dasselbe kämpften und schaukelten sich in ihrem Wahn so hoch, dass sie die dritte Partei, die in der Ecke stand und flehend ein weißes Fähnchen schwenke völlig überhörten. Erst dann, als es zu einer fatalen Kettenreaktion kam, die fast alles um sie herum zu Schutt und Asche legte, ließen sie die Waffen fallen und schauten bestürzt auf das Unheil, was sie da angerichet hatten. "Nääck Nääck Nääck", ätzte die dritte Partei in einem Dauergemeckere: "Hätte hätte, Fahrradkette! Hätte hätte, Fahradkette!"
"JA, HALT DIE FRESSE," brüllten H.E.R.Z. und H.I.R.N. gleichzeitig: "HALT DIE FRESSE! Du hättest ja auch intervenieren können, aber nein Du hast schön immer dagestanden und irgendeine Scheiße vor Dich hin gebrabbelt, die kein Arsch verstehen konnte. Sag doch einfach: 'Halt Stop, da ist falsch,' aber nein, da kam ständig nur was von: 'Ich könnte kotzen, Ich könnte kotzen. Bla bla.'"
Eine endlose Brüllerei, während ich zu Boden glitt, getroffen von einer Schrapnelle aus kaltem, rostigen Stahl. Die letzte Nachricht die durch kam war: "Wir können Dich nicht bergen, kontaminierte Zone. Ein beschissenes Virus hat sich durch die Implosion der Kettenreaktion ausgebreitet."
Aber ich kannte das schon. Das war nicht das erste Mal, dass ich von rostigen Schrapnellen getroffen wurde. Das Gift würde noch einige Zeit wirken, eine lange Zeit, aber dann würde es abklingen. Das Fatale war nur, dass ich dieses Mal keine Chance hatte mich aus der Kampfzone zurück zu ziehen. Ich musste mich also verstecken bis der Schrecken vorüber zog.
Nach ein paar Wochen wurde dann endlich die Sperrzone aufgehoben und ich konnte meine Wunden behandeln lassen. Bis zum heutigen Tag war alles schon ziemlich gut abgeklungen und erstes Narbengewebe zeigte sich unter dem Schorf. Aber ich tat eine unbedachte Bewegung, ich musste kurz spontan reagieren und sie riss wieder auf. Wundwasser und Eiter sickerten in mein Shirt, dazu ein quälender, ziehender Schmerz.
Der fiese Nieselregen komplettierte die Stimmung - mies. Einfach mies. Selbst der Spaziergang am Strand brachte nur wenig Linderung.
The void was calling with it's cold breath of grey silence.
Ich konnte nur das tun was mir für solche Situationen beigebracht wurde: Abwarten und Geduld haben. Morgen würde ein neuer Tag beginnen und mit ihm die Chance besser zu werden als der heutige.



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